| 1998.07.11 Chorreise "Paul Gerhardt" |
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| Geschrieben von: Administrator |
Paul Gerhardt-Chorreise 199811. bis 18. Juli 1998 Paul Gerhardt - wem sind seine Lieder nicht bekannt und lieb geworden, sozusagen „von Mutterleibe an“? Die auf Initiative des Präsidenten des Schweizerischen Kirchengesangsbundes, Pfarrer Paul Kohler, ausgeschriebene Reise führte auf des Dichters Spuren an die Stätten seines Wirkens. Paul Kohler war es auch, der das ansprechende Reiseprogramm zusammenstellte. Neben gezielt ausgewählten Besichtigungen blieb stets genügend Freiraum für persönliche Aktivitäten oder auch Zeit zum Ausruhen. An verschiedenen Stätten wurde gesungen. Paul Kohler rundete jeweils solche Feierstunden mit entsprechenden Textbeiträgen ab. Dabei lernten die Teilnehmer u.a. auch bisher unbekannte Liedstrophen Paul Gerhardts kennen. Pfarrer Anton Wyder oblag die musikalische Leitung der Chorreise. An zwei Samstagnachmittagen vor Reiseantritt wurden folgende Chorsätze aus dem eigens für die Reise hergestellten Chorheft, eingeübt. Sein Inhalt: Cantate Domino; Der Tag mit seinem Lichte; Geh aus, mein Herz, und suche Freud; Ich erhebe, Herr, zu dir meiner beiden Augenlicht; Lobet den Herren! Alle die ihn ehren; Nun danket all und bringet Ehr; So wahr ich leb, spricht Gott der Herr; Warum sollt ich mich denn grämen; Zeuch ein zu deinen Toren; Ich liege, Herr, in deiner Hut; In jeder Nacht, die mich bedroht; Die güldne Sonne voll Freud und Wonne; Geh aus, mein Herz, und suche Freud. Anton Wyders ruhige und liebenswürdige Art machte das Singen mit ihm zu einem richtigen Vergnügen. Zwei Mitglieder der Reisegruppe, eine Violinistin und ein Oboist begleiteten virituos einige Liedsätze und setzten so musikalische Höhepunkte. Wittenberg Allein schon die Fahrt am Samstag von Basel nach Wittenberg war ein Erlebnis. Welche Weite! Welch leuchtende Sonnenblumenfelder! Welche Wolkenbilder! Nach Eisenach konnte vom Zug aus ein Blick auf die Wartburg erhascht werden – erste kurze Begegnung mit Luther, der ja auch auf Paul Gerhardts Leben einen nicht geringen Einfluss hatte. Auch der Besuch der Lutherstadt Wittenberg war stark von der Person des grossen Reformators geprägt. Die vielen Dokumente im Lutherhaus faszinieren jeden Besucher. Höhepunkt des Sonntags war allerdings der Gottesdienst in der Stadtkirche, an dem wir mit drei Liedern mitwirken durften. Anschliessend an diese Feierstunde wurde die Reisegruppe unter kundiger Führung durch die Stadtkirche mit ihrem berühmten Cranach-Altar geführt. Auf der Fahrt am Montag von Wittenberg nach Berlin wurde in Mittenwalde Halt gemacht. Mittenwalde Hier hatte Paul Gerhardt seine erste Pfarrstelle. Die Kirche ist älter als jede Kirche in Berlin. Dies soll man an den zum Bau benutzten Feldsteinen in den unteren Partien des Gemäuers erkennen. Eine sehr engagierte ältere Dame, die ihr ganzes Leben in Mittenwalde zubrachte, erläuterte die Kunstwerke im Gotteshaus, erzählte aber auch von den Nöten der Kriegsjahre und der anschliessenden DDR-Zeit. Anschliessend durften wir in diesem Raum, in dem Paul Gerhardt predigte, unsere Lieder erklingen lassen. Berlin Nach der Ankunft in Berlin galt ein kurzer Besuch der Marienkirche mit einem eigens für uns arrangiertem Orgelkonzert. Nach Mittenwalde wurde Paul Gerhardt nach Berlin in die Nikolaikirche berufen. Ihr galt unser Besuch am Dienstag-Vormittag. Die nach dem zweiten Weltkrieg total zerstörte Kirche wurde wieder aufgebaut, dient aber heute als Museum. Viele Zeugen einer reichen Vergangenheit sind hier zu sehen. Die Liebe Gottes zum Menschen ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Ob im Museum oder Gotteshaus – konnten unsere Lieder in diesen Räumen mit der wundervollen Akkustik diese Botschaft übermitteln? Das ganze Nikolaiviertel, die eigentliche Altstadt Berlins, ist reich an historischen Baudenkmälern. Nach dem Mittagessen beschränkten wir uns auf eine gemeinsame Führung. Wir lies-sen uns von einem sehr versierten Herrn Kunstwerke und Geschichte des Berliner Doms erklären. Wenn nur all das Gehörte und Gesehene gespeichert werden könnte! Im Dom zu Berlin singen, und dies erst noch von der Kaiser-Loge aus, ist wohl den wenigsten Sängerinnen und Sängern vergönnt. Wir wussten diese Gelegenheit zu schätzen! Am späteren Nachmittag blieb Zeit, auf eigene Faust noch diese oder jene Kirche zu besichtigen oder je nach Lust Berlin zu entdecken. Wer an Berlin denkt, denkt auch an Sanssouci, die Sommerresidenz Friedrichs II. des Grossen von Preussen in Potsdam. Am Mittwoch war Gelegenheit dieses Schloss mit seinen prächtigen Gartenanlagen zu besuchen. Am frühen Abend traf sich dann die ganze Reisegruppe auf dem Friedhof von Nikolassee am Grab von Jochen Klepper. Der Gedankensprung von Paul Gerhardt zu Jochen Klepper: beide Liederdichter hatten der Kriegszeiten wegen ein schweres Los zu tragen. Ihre Lieder aber zeugen, trotz schwerer Not, von einem unerschütterlichen Gottvertrauen und einer tiefen Geborgenheit. Diese feierliche Abendstunde mit Wort und Musik, inmitten sonnenbeschienener Föhren und Birken des Friedhofs, wurde von vielen als ein weiterer Höhepunkt der Reise erlebt. Am Donnerstag war es der Reisegruppe überlassen, unter verschiedenen Angeboten zu wählen oder sich selbst ein persönliches Programm zusammenzustellen. Ob Schiffahrt um die Müggelberge, Besuch von Sachsenhausen, Besuch der verschiedenen Gedenkstätten des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, Besuch von Museen oder des Berliner Zoos: der Möglichkeiten waren unzählige und wurden rege genutzt. Lübben Die letzte Station führte Paul Gerhardt nach Lübben im Spreewald. Unser letzter Reisetag galt deshalb dem Besuch dieses Städtchens und seiner Kirche. Hier, unter einem grossen Bild von Paul Gerhardt, es wird als einzige authentische Darstellung des Liederdichters angesehen, sangen wir ein letztes Mal einige seiner Lieder. Der Nachmittag brachte nochmals etwas ganz Besonderes: Während zweier Stunden befuhren wir, auf zwei Kähne verteilt, die Spree, mitten durch stillen, lichten Wald. Ruhe, Beschaulichkeit, aber schon ein Hauch von Abschied von einer intensiven und reichen Woche prägte diese Fahrt. Am Abend, zurück in Berlin: ein gemeinsames Nachtessen, einige Lieder, Worte des Dankes und der Freude über die gelungene Reise. Vieles haben wir in dieser Woche aus dem an Freud und Leid reichen Leben Paul Gerhardts gehört, seine Lieder haben dabei für uns eine noch tiefere Bedeutung erlangt. Vieles haben wir gesehen und gehört in dieser Woche, wir haben uns gefreut an Werken von Menschenhand geschaffen; wir haben aber auch gelitten an dem, was Menschen sich zufügen können. Insgesamt blicken wir zurück als reich Beschenkte, beschenkt von viel Erlebtem in einer liebenswürdigen und guten Gemeinschaft. Weiningen, 25. August 1998 Doris und Jakob Schildknecht |
| Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 25. Februar 2009 um 18:33 Uhr |



